Abschied in drei Bildern – Abschied von Herrn Prof. Dr. rer. soc. Ulrich Lakemann

Professor Ulrich Lakemann wird nach 26 Dienstjahren zum Ende des Wintersemesters 2019/2020 emeritiert. Bei seiner Verabschiedung im Fachbereich am 15. Januar 2020 sprach der Dekan des Fachbereichs Andreas Lampert seinem Kollegen und früherem Lehrer seine Wertschätzung und seinen Dank aus.

„Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, lieber Uli,
es ist weder selbstverständlich noch üblich, dass ein ehemaliger Student die Abschiedsworte für seinen Professor spricht. Ich bin ganz dankbar, dass sich in diesem Abschiedsmoment doch einmal die Perspektiven drehen und ich zu Dir lieber Uli sprechen darf.
In unserem Vorgespräch hast Du mich danach gefragt, was ich aus meinem Studium bei Dir erinnere. Ich habe dies als rhetorische Figur aufgefasst. Obgleich ich mich im Bereich der Mikrosoziologie als gut aufgestellt wahrnehme habe ich gehofft, dass Du keine makrosoziologische Antwort erwartest. Ich war froh, dass Du dann nahtlos weitergeredet hast.
Als Du Dich vor aus datenschutzgründen zu verschweigenden Jahren in Deiner Soziologie-Vorlesung vorgestellt hast, hast Du Bilder von Roy Lichtenstein präsentiert. Daher lautet meine Antwort: Ich erinnere Deine Vorlesung in Bildern und ich verabschiede Dich in drei Bildern:

1. Bild: Kunst als Motiv

Mit dem soziologischen Blickwinkel hast Du lieber Uli eine Perspektive in die Soziale Arbeit eingebracht die, sobald es um Professionalisierung geht einerseits ein wenig zornig als abgeschlossen, andererseits ein wenig wehmütig als Projekt reklamiert wird. Soziologisch betrachtet wird dieses als professionsadäquates Fallverstehen verhandelt. Darin treffen subjektive Blickwinkel auf gesellschaftliche Strukturen. In deinen Lehrveranstaltungen wurden sowohl handlungsorientierte, als auch theoretische Sichtweisen aufgegriffen. Du hast Studierende dazu ermutigt, sich mit dem Rollstuhl durch Jena zu bewegen, sich erlebnispädagogisch die Landschaft zu erschließen, familiensoziologisch den Blick auf das eigene Geworden-Sein zu richten, forschungspragmatisch die Empirie nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern diese auch zu interpretieren sowie interdisziplinäre Standpunkte im Studium Integrale in die Erkenntnisgewinnung einzubeziehen.
Die Lehre selbst hast Du als Koproduktion konzipiert. Anstelle des Nürnberger Trichters regst Du Bildungsprozesse an. Dass diese Absicht verfängt, wird in den mehrfachen Nominierungen zum Professor des Jahres in den Jahren 2007 und 2012 und Deinem Rang unter den Top 10 (einmal als Vizeprofessor des Jahres) deutlich. Ehrungen hast Du immer sehr unaufgeregt zur Kenntnis genommen. Zu keiner Zeit folgte daraus ein Gefühl der Erhabenheit. Vielmehr schien es, als würdest Du es als Auftrag verstehen, immer wieder Möglichkeiten für die Zusammenarbeit mit Studierenden in Deinen Lehrveranstaltungen auszuloten. Mir gegenüber hast Du es als Spannungsbogen beschrieben.

2. Bild: Die Liebe zur Soziologie

Das Verhältnis zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart beschreibt den Blick zurück nach vorn. Der Blick zurück öffnet die Perspektive auf Dein umfangreiches Oeuvre. Deine zahlreichen Publikationen zeugen davon. In der Lehre war es Dein Ziel, künftigen Sozialarbeiter*innen das Rüstzeug für die Reflexion der Praxis vor dem Hintergrund soziologischer Theorien zu eröffnen. Am Fachbereich und über dessen Grenzen hinaus wirst Du für Deine Kompetenz und Kollegialität sehr geschätzt.
Gleichermaßen warst Du beständig in der Praxis präsent, geschätzt als Dialogpartner und in Deiner Expertise als Sozialforscher. Du hast gemeinsam mit Studierenden viel Wissen über Jenaer Stadtteile generiert und mit ihnen Schätze gehoben. Aus Deiner Soziologievorlesung hast Du mir eine Anekdote berichtet: Im Vorlesungssaal sind zwei junge Männer und Frauen in fortwährende Dialoge verstrickt. Sie lassen sich auch durch Deine soziologischen Erkenntnisbemühungen davon nicht abhalten. Du bist jedoch von Ihnen gestört und schließlich froh, als mit der Evaluation der Abschluss der Veranstaltung naht. In einem der Evaluationsbögen teilt Dir eine Studierende ihre Dankbarkeit sinngemäß in den folgenden Worten mit: Lieber Herr Lakemann bitte entschuldigen Sie das Gequatsche. Es war die einzige Möglichkeit die Jungs aus der anderen Studiengruppe zu sehen. Heute Abend sind wir verabredet. Ich liebe Soziologie.
Als Wissenschaft vom Zusammenleben ist die Soziologie damit auf absolut fruchtbaren Boden gefallen.
Aus den Anfängen des Fachbereichs hast Du mir berichtet, dass Fachbereichsratssitzungen manchmal bis 20:30 Uhr dauerten, der Fachbereich selbst anfangs wie ein unkonturiertes Bild erschien. Dies ist mittlerweile nicht mehr so. Von Beginn an warst Du im Fachbereich aktiv, insbesondere als Evaluationsbeauftragter, als Studienfachberater, im Prüfungsausschuss oder im Senat. Du hast in Gremien und Arbeitskreisen Deine Expertise eingebracht. Gemeinsam mit den anderen Kolleg*innen hinterlässt Du uns ein Gemälde, welches nunmehr in seinen modularen Strukturen, mit Studien und Forschungsschwerpunkten durchaus konturiert erscheint, jedoch unabgeschlossen die Möglichkeit zum weitermalen lässt. Gut daran ist, dass das Fachbereichsbild nicht übermächtig wie Beethovens unabgeschlossene Sinfonie daherkommt, an deren Vollendung sich niemand herantraut. Künstliche Intelligenz soll es nun richten. Keine Angst, wir komponieren den Fachbereichssound selbst weiter, geben pinselschwingend dem Fachbereich Gestalt und delegieren das nicht an eine Software. Wir machen unsere Fehler eben noch gern selbst.

3. Bild: Die Zukunft als unabschließbare Komposition

Roy Lichtenstein ist als exzellenter Beobachter bekannt. Expressionistisch fängt er Alltagsszenen in Coney Island ein. Seine Bilder lassen dennoch einen weiten Interpretationsspielraum zu, ohne unkonkret zu wirken. Teilweise finden sich zarte Annährungen an Picasso und Piet Mondrian. Sein Blick auf den Alltag ist verfremdet, die Annäherung gelingt immer nur bruchstückhaft.
Manchmal scheint es ja, als ob sich die Vergangenheit übermächtig gegenüber der Zukunft gebärden kann, weil sie erfahrungsgesättigt bereits alle Antworten kennt.
Lieber Uli, in unserem Gespräch habe ich Dich danach gefragt, was Du uns aus Deiner über 25-jährigen Historie für die Zukunft des Fachbereichs mitgeben möchtest. Du meintest, dass Du darüber nachdenken willst. Ich bin also mit einer offenen Frage gegangen, fand das am Anfang komisch, mittlerweile aber nicht mehr.
Danke für keine Antwort.
Du lässt den Platz, dass jene die bleiben eigene Antworten suchen und finden. Wir sind auf dem Weg.
Als wir einmal in einem Restaurant nebeneinander saßen und lange, sehr lange auf das Essen warten mussten, alle anderen Themen schon abgegrast waren, sprachen wir über das Kochen. Fiktional bahnte sich das Hungergefühl seinen Weg aus dem Bauch in den Kopf und über die Gedanken in den Mund, wurde wortgewaltig bebildert, machte aber leider nicht satt. Einer Deiner Nebensätze lautete, dass Kochkunst auch darin bestehen könne, Dosensuppen aufzuwärmen. Darin lag schon eine leichte Verzweiflung. Farbenfrohe Essensbilder vor Augen harrten wir der Empirie entgegen, die man uns vorzuenthalten schien. Dann kam das Essen. Es war anders lecker als das wohlgewürzte Bild vor Augen. Es stillte dafür aber den Hunger.
Lieber Uli, für Deinen weiteren Weg geben wir Dir Roy Lichtensteins Kunst als Motiv mit. Ihm geht es nicht um die Form, sondern um das Sehen. So wünschen wir Dir innige Zwiegespräche jenseits von Picasso.
Damit die Dialoge nicht nur hungrig machen, statten wir Dich mit der Pseudokonkretheit des Kochens aus, mit einem reich bebilderten Kochbuch.
Den Dosenöffner kannst Du also wegwerfen oder an einen Weggefährten in Jena verschenken. Du wirst nun weniger pendeln müssen und hast Zeit zum Kochen für Dich, für Deine Familie, für Gäste oder wen auch immer.
Wir überlassen Dich also Deinem Expressionismus auf dem Teller, danken Dir für über 25 Jahre Wegbegleitung. Wir wünschen aus dem Fachbereich das allerbeste für Deinen weiteren Weg und guten Appetit für Augen, Mund und Magen.“