Festrede des Dekans Prof. Dr. Andreas Lampert zur 25-Jahr-Feier

Die ungekürzte Festrede unseres Dekans Prof. Dr. Andreas Lampert zur Eröffung der 25-Jahr-Feier des Fachbereiches Sozialwesen am 08.11.2017 möchten wir allen interessierten Leserinnen und Lesern zur Verfügung stellen:

„Lieber Herr Rektor, Kollege Steffen Teichert, liebe ehemalige und aktuelle Kolleginnen und Kollegen, liebe Vertreterinnen aus der Praxis und vor allem liebe ehemalige und aktuelle Studierende, liebe Gäste, mein Name ist Andreas Lampert und als amtierender Dekan heiße ich Sie herzlich in der Aula der Ernst-Abbe-Hochschule willkommen. Ich freue mich, dass Sie zahlreich den Weg hierher gefunden haben und darüber auch Ihre Verbundenheit mit dem Fachbereich und das Interesse an den Themen zum Ausdruck bringen.

Bevor ich zu Ihnen rede steht dieses vornehme Recht der akademischen Tradition gemäß dem Rektor zu, den ich nun um seine Worte bitte.

Die Vergangenheit soll ruhen wird gesagt, denn sie ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Sie ist untergegangen, allenfalls schemenhafte Erinnerung. Inwiefern taugt sie überhaupt  für eine Gegenwart oder gar Zukunft, die ja eigene Herausforderungen hat und nur bedingt aus der Vergangenheit folgt vielmehr selbst als ein fragmentiertes Projekt gilt dessen einzige Konstante die Dynamik ist?

Nichts desto trotz haben wir zu diesem Tag eingeladen, um die zeitlichen Perspektiven der Historie, der Gegenwart und Zukunft gemeinsam zu betrachten. Gelegentlich lohnt ja ein Blick zurück, sei es, um dort aufzuräumen oder um das zu Bewahrende zu schützen oder zu erhalten, denn die Vergangenheit war auch einmal eine schöne Gegenwart. Vielleicht stellen wir miteinander fest, dass die Erinnerung zur Erfahrung geronnen manchmal alles ist was wir haben, um in der gegenwärtigen Unübersichtlichkeit zu navigieren. Einige Einblicke in theoretische Fundamente nicht nur einer Erinnerungskultur sondern durchaus mit Gestaltungsanspruch öffnen sich uns in den beiden prominent besetzten Vorträgen, welche anschließend mit Wolf Rainer Wendt und am Nachmittag mit Hans Thiersch den Tag rahmen.

Nun verbindet mich selbst mit dem Fachbereich eine im Vergleich gesehen jugendliche Historie. Ich kam nach 18 Jahren in der Wohnungslosenhilfe im Jahr 2011 hierher und stellte fest, dass Soziale Arbeit sowohl praktisch (naheliegend in der Arbeit  mit Wohnungslosen) als auch wissenschaftlich unter den Perspektiven der integrierenden Heimatsuche manchmal auch der Ortlosigkeit betrachtet werden kann. Beides erscheint notwendig. Wissenschaftlich gilt es, den vielstimmigen Chor der Einzeldisziplinen zu integrieren, um den Anforderungen einer fragmentierten Moderne auch theoretisch gerecht werden zu können. Praxisbezogen gilt dies nicht weniger. Erst der integrative Blick aus dem Perspektivenwechsel ermöglicht eine Annäherung an sehr komplexe Lebenssituationen und –verhältnisse.

Um einmal auf José Ortega y Gasset[1] Bezug zu nehmen, wird das Verbindende zum Auftrag. Soziale Arbeit in den Wissenschaften, in der Lehre, in der  Forschung und auch durch die Institutionalisierungen in einer wünschenswert weitgehend selbstdefinierten Praxis lebendig werden zu lassen heißt, immer wieder Berührungspunkte und auch Abgrenzungen gleichermaßen in den Blick zu nehmen, die Historie nicht zu vergessen, sondern als wertvollen Quell von Erfahrungen in die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft zu transzendieren.

Bezogen auf den Fachbereich haben wir gemeinsam und die vielen ehemaligen Kolleg*innen, von denen einige heute auch den Weg hierher fanden, in den vergangenen Jahren viele Wegstrecken mit Tälern und Höhen zurückgelegt. Dieser Weg kann von mir allenfalls schlaglichtartig knapp skizziert werden.

Im Jahr 1992 gegründet (aus diesem Jahr ist noch das Ringen um die Studien- und Prüfungsordnung für die erste Immatrikulation in den Studiengang aus Briefwechseln von Erika Fellner mit dem Ministerium in den Tiefen des Fachbereichsarchivs vorhanden) meisterten die hier tätigen Kolleg*innen in mehr oder weniger räumlichen Provisorien die Lehre in drei Matrikeln und mit den Mitte der neunziger Jahre stattfindenden Externenprüfungen auch einen dringend aufzuholenden Qualifizierungsbedarf aus der Praxis. Ebenso etwas länger zurück liegen der Übergang vom Diplom zum modularisierten Bachelorstudiengang im Wintersemester 2007-/2008 und die Einführung des konsekutiven Masterstudiengangs „Soziale Arbeit“ im Sommersemester 2008.

Der Fachbereich war inzwischen mehrfach umgezogen, ursprünglich vom Leutragraben in die Carl-Zeiss-Straße an der Friedrich-Schiller-Universität, dann zum Sommersemester 2001  an seinen heutigen Standort mit nun besseren räumlichen Bedingungen.

Im Jahr 2013 – 2014 folgte die Herauslösung des seit dem Jahr 1997 eng mit dem Fachbereich assoziierten Fernstudiengangs „Pflege/Pflegemanagement“, der in einen eigenen Fachbereich „Gesundheit und Pflege“ übergegangen ist. Diesem Übergang folgten intensive Diskussionen zur Ausrichtung und Profilbildung aber immer auch unter der Perspektive der Beibehaltung des generalisierten und breiten Bildungsbedürfnisses für die Wissenschaft und Praxis Sozialer Arbeit. Die Diskussionen mündeten in Studienschwerpunkten, welche unter dem Dach der generalistischen Bildung Vertiefungen beispielsweise in den Wissensgebieten:

  • Kultur, Medien und Bildung;
  • Flucht, Asyl und Migration;
  • Jugend und Familie oder auch
  • Gender und Diversity z.Bsp. Arbeit mit Zielgruppen insbesondere Altenarbeit oder auch
  • klinische Sozialarbeit um nur einige zu nennen ermöglichen.

Begleitet wurden diese Diskussionen auch durch den schmerzlichen Verlust von zwei Professor*innenstellen, welche für eine Neubesetzung künftig nicht mehr zur Verfügung stehen. Es handelte sich um Einschnitte, welche die Hochschule insgesamt betrafen und ein Zusammenrücken im Kollegium für eine auch weiterhin exzellente Qualität in der Lehre aus meiner Sicht unabdingbar erscheinen lassen.

So beeinflusst die Historie spürbar die Gegenwart und Zukunft. Sie macht das Besinnen auf wertvolle Erfahrungen, auf zu Bewahrendes unter den veränderten Bedingungen plastisch, damit aus Professionalisierungsgesichtspunkten (welche ja gerade in der Sozialen Arbeit theoretisch und praktisch ein hochrelevantes Thema sind) keine Rolle rückwärts wird und die Säulen der Lehre, Forschung und Praxis stark miteinander verbunden bleiben.

Diesbezüglich bewegt den Fachbereich auch nach wie vor das Thema der Promotion in und aus der Sozialen Arbeit, in der in manchen Bundesländern eher zaghaft als kühn Strukturen herausgebildet werden.

Erfreulich konnten in den Jahren 2016 am Fachbereich 2 neue, weiterbildende  Masterstudiengänge akkreditiert und in den Jahren 2016 und 2017 auch erfolgreich immatrikuliert werden. Es handelt sich um den Masterstudiengang „Spiel- und Medienpädagogik“ und „Coaching und Führung“ in die Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen neben ihrer Haupttätigkeit im grundständig qualifizierenden Bachelorstudiengang und im konsekutiven Masterstudiengang Soziale Arbeit sehr viel Engagement investieren.

Gerade im Hinblick auf die beiden letztgenannten Studiengänge wurden dem Fachbereich im CHE-Ranking der Zeit im aktuellen Jahr im bundesweiten Vergleich betrachtet Spitzennoten zur Studiensituation insgesamt, zur Betreuung durch Lehrende, zum Lehrangebot und auch zum Praxisbezug bescheinigt. Dazu tragen die Expertise und die didaktischen Fähigkeiten der Lehrenden, vielfältige Kooperationen mit Praxiseinrichtungen und Beziehungen zu anderen Hochschulen auch im internationalen Rahmen viel bei.

Manche der heute Anwesenden ehemaligen Studierenden erinnern sicher die Angebote der International University Week, nutzten vielleicht selbst Angebote von Auslandssemestern oder absolvierten Auslandspraktika.

Trotz des nicht einfachen Umfeldes im sozialen Bereich war es auch immer wieder möglich, Projekte zu akquirieren und daraus auch Drittmittel zu generieren. Ich kann und möchte die Vielzahl der Projekte nicht im Einzelnen benennen. In den Gesprächen mit den Professor*innen finden sich im Verlaufe des Tages sicher Anknüpfungspunkte.

Deutlich wird darin jedoch das ungebrochen starke Interesse an Forschung, die sowohl  interdisziplinär, als Lehrforschung und auch aus den unterschiedlichen Fachgebieten als eine zentrale Säule des Fachbereichs gilt und die mit dem im aktuellen Jahr gegründeten Praxisbeirat noch stärker im Verbund zwischen Theorie und Praxis ausgestaltet werden soll.

Stabile und sehr wichtige Kontakte in die Praxis begleiten den Fachbereich seit vielen Jahren. Dies zeigt sich mit steigendem Zulauf an den Praxistagen und war auch ein wesentlicher Grund, das Jubiläum an diesem Tag mit dem mittlerweile 9. Praxistag zu verbinden. In diesem Jahr sind 70 Einrichtungen aus 44 Trägern am Fachbereich vertreten.

Um die Breite und Vielfalt der Tätigkeitsfelder kennenzulernen, sei ein Besuch beim Markt der Möglichkeiten ab 12:15 Uhr im Fachbereich sehr empfohlen.

Für alle Liebhaber*innen einer quantifizierten Empirie, folgt nun kurz der Fachbereich in Zahlen:

Bis zum 01.10.2017 brachte der Fachbereich 1792 Diplomand*innen hervor,  115 von ihnen legten eine Externenprüfung ab, 111 wurden über das Institut für Weiterbildung, Planung und Beratung im Sozialen Bereich IWIS e.V. weitergebildet und daran anschließend in das 8. Semester des Diplomstudiengangs Soziale Arbeit  / Sozialpädagogik für das Ablegen der Diplomprüfungen immatrikuliert. Seit 2007 verließen den Fachbereich 620 Absolvent*innen mit einem Bachelor of Arts und 123 Absolvent*innen mit einem Master of Arts in Sozialer Arbeit. Hinzu kamen in den Jahren 2000-2006: 284 Absolvent*innen mit einem Diplom in Pflegewissenschaften, von 2008-2014: 182 Absolvent*innen mit einem Bachelor- und 80 Absolvent*innen mit einem Masterabschluss in den Pflegewissenschaften. Aktuell unterstützen 19 Professor*innen und 11 Mitarbeiter*innen 607 Studierende in der Lehre und während ihrer Praxisphasen.

Sollte ich richtig gerechnet haben, dann blickt der Fachbereich in seiner 25 jährigen Historie auf 3081 Absolvent*innen zurück, die eine starke Verbindung in die Praxis verdeutlichen, diese prägen und nun vielfach selbst zur Professionalisierung der Studierenden als Praxisanleiter*innen beitragen.

Erstmals stieg der Fachbereich Sozialwesen im Jahr 2017 in die Ausbildung ein und begleitet einen Azubi auf den ersten Schritten in seine berufliche Tätigkeit als Kaufmann für Büromanagement.

Auch in der Weiterbildung ist und war der Fachbereich aktiv, beispielsweise in der kooperativen „Fortbildung von Betreuungskräften für unbegleitete ausländische Kinder und Jugendliche“, welche zwischen der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Erfurt und dem Fachbereich Sozialwesen mit einem gemeinsamen Modulkatalog entwickelt und an beiden Standorten durchgeführt wurde, hier in Jena derzeit erneut durchgeführt wird. Ein weiterer Kooperationspartner ist das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Thüringen.

Aktuell laufen bereits wieder die Vorbereitungen für die bevorstehenden nächsten Reakkreditierungen des BA- und des MA-Studiengangs Soziale Arbeit.

Dafür und das ist neben vielen anderen die erfreuliche Seite eines Dekans darf allen Beteiligten herzlich Dank gesagt werden. Damit sind die Mitarbeiter*innen und die Lehrenden gleichermaßen angesprochen, denn ein Ensemble ist eben auf jeden einzelnen Ton zwingend angewiesen, damit daraus eine Melodie erklingen kann. Gleichermaßen danke ich allen im Vorbereitungsteam für diesen Tag: Judith Kunze, Jörg Trautenberg, Peter Scharffenberg, Franziska Krieg, Heike Lilienthal,  Christian Glekler, Markus Hundeck, Martin Geisler, Heike Ludwig, den Studierenden Markus Wietzke, Jakob Altersberger, Hendrick Mosel, Lydia Hößler, Anne Helmke, Fabian Fröderking, Johannes Plessing  und Claudia Hagesheimer.“

[1] Vgl.: Hundeck, Markus; Mührel, Eric (Hrsg. 2016): Josè Ortega y Gasset: Sozialpädagogik als politisches Programm. Von Spanien nach Europa, Wiesbaden, Springer, S. 82